Wie ich mir (fast) ein Tattoo in Thailand stechen ließ

Von Kai 5 Jahren alt2 Kommentare

Die Idee

„Wir sollten uns tätowieren lassen!“ Was nach einer spontanen Schnapsidee mit 2 Promille auf einer Party klingt, war der erste Anstoß zu einer (Schnaps?)-Idee auf meiner Reise durch Laos Anfang 2014. Gemeinsam mit einem Freund, den ich erst kurz zuvor auf der Reise kennengelernt hatte (im übrigen mein heutiger Mitbewohner), können solche Ideen wie ein Tattoo in Thailand schon einmal aufkommen, vor allem wenn man auf langen Bus- und Zugfahrten mehr als genügend Zeit für Hirngespinste jeglicher Art hat.

Bisher war mein Körper frei von Tattoos, was in der heutigen Zeit bei jüngeren Erwachsenen schon fast ein Seltenheitsfaktor ist. Ich wollte nie ein Tattoo, nur um damit modisch im Trend zu liegen und die vielen Backpacker im Tank-Top und mit zugekleisterten Armen waren mir schon von Beginn an eher Suspekt. Neben dem modischen Aspekt kann ein Tattoo natürlich auch eine Aussage haben, zur Erinnerung aufrufen oder religiösen und kulturellen Hintergrund besitzen (darauf komme ich später noch zurück…).

Warum also spielte ich plötzlich ernsthaft mit dem Gedanken, mir doch noch ein Tattoo stechen zu lassen? Ausschlaggebend war das Gefühl, welches ich auf der Reise durch Asien entwickelt hatte und für mich festhalten wollte. Ein Gefühl der Leichtigkeit, des Zufriedenseins mit dem was man hat und des Ausblendens vom Alltagsstress. Ich wollte mir dieses Gefühl für später „aufbewahren“ und etwas haben, das mich auch nach Wiederankunft in Deutschland und nach Wiedereintritt des Alltags genau an dieses Gefühl erinnern kann. Etwas, dass mich an die Freundlichkeit zurückdenken lässt, wenn ich morgens aus der Dusche komme und evtl. einen stressigen Tag vor mir habe.

Heiße Sonne und kühle Getränke: Die Reisezeit hat viele Vorteile.

Warme Sonne und kühle Getränke: Die Reisezeit hat viele Vorteile.

Natürlich reichte die Idee alleine nicht aus, schließlich musste auch ein Motiv gefunden werden, das diese Eigenschaften verinnerlicht. Konkreter wurde der Gedanke bei der Reise durch Laos, einem Land, welches mich von Beginn an fasziniert hat. Einen großen Anteil daran hatten die Menschen, die eine schier unglaubliche Sympathie ausstrahlten und all die oben genannten Eigenschaften zum Ausdruck brachten. Und das bereits nur mit einer simplen Begrüßung: Sa-bai-dee. Die laotische ist der thailändischen Sprache recht ähnlich und so ähneln sich auch die Begrüßungsfloskeln. Auffällig in Laos war, wie freundlich die Begrüßung jedes mal vorgetragen wurde. So erklärte es uns auch einer der Gastgeber im Guesthouse in Vang Vieng. Aus diesem Grund erschien mir die Begrüßung „Sabaidee“ in laotischer Schrift als perfektes Motiv und Aussage meines Tattoo.

Kinder in Laos

Fröhliche Kinder in Laos: Sabaidee!

Kein zurück mehr?

Nachdem wir Laos per Bus Richtung Thailand verlassen hatten und in Chiang Mai angekommen waren, machte ich mich auf die Suche nach einem geeigneten Tattoostudio. Chiang Mai ist bekannt für eine Vielzahl guter Studios, die zudem die Technik des „Bamboo Tattoo“ anbieten, welche eine deutlich schnellere Heilungszeit verspricht, was auf einer Reise durch Südostasien mit viel Einfluss durch Wasser und Sonne ein großer Vorteil ist. Der Ursprung dieser Technik geht wohl auf die thailändischen Mönche zurück. Ich ließ mich also in einem im Internet gut bewerteten Tattoostudio beraten, zeigte das Motiv und machte einen Termin für den nächsten Tag aus. Natürlich musste ich auch eine Anzahlung verrichten, da sich manche Leute kurzfristig noch umentscheiden. Ich war also fest davon überzeugt, meinen Körper am nächsten Tag nachhaltig verändern zu lassen.

Der Schriftzug Sabaidee

Der Schriftzug Sabaidee (das geplante Motiv), im Hintergrund laotische Landschaften

Das muss Schicksal sein

Der nächste Tag kam schnell. Nachdem der Abend zuvor noch ziemlich feuchtfröhlich verbracht wurde und ich dabei das ein oder andere mal den Satz „Aaaaaaalter, du wirst morgen tätowiert!“ zu hören bekam, starteten wir den Tag selbst wieder einmal mit einem leckeren und ausgiebigen Frühstück bei Chiang Mai Breakfastworld. Ansonsten war nicht viel geplant, was die Wartezeit bis zum Tattoo-Termin am Abend überbrücken sollte. Auf dem Rückweg vom Frühstück begrüßte mich ein Tuk-Tuk-Fahrer mit einem freundlichen „Sabaidee!“. Der erste Grund war naheliegend: Ich trug ein T-Shirt mit dem Motiv, was am Abend oberhalbs meines linken Knöchels platziert werden sollte. Wir kamen mit dem freundlichen Tuk-Tuk-Fahrer ins Gespräch und erfuhren, dass er selbst aus dem benachbarten Laos kommt und daher so herzlich auf das T-Shirt reagierte. Natürlich konnten wir es uns nicht nehmen lassen, ihm vom heutigen Abendprogramm zu erzählen.

„No, you can’t do it“ war allerdings die für uns sehr überraschende Antwort des freundlichen Laoten. Die Erklärung ließ nicht lange auf sich warten. Das Problem war nicht das Motiv an sich, sondern die Platzierung unterhalb der Gürtellinie. Aus kulturellen Gründen gilt in Asien alles unter der Gürtellinie, insbesondere die Füße, als unsauber. Davon wusste ich zum Teil bereits im Vorfeld, war es schließlich allgemein bekannt das es in Thailand als Straftat gilt, auf einen Geldschein zu treten (da dort der König abgebildet ist) oder auch einem Bild des Königs die Füße entgegenzustrecken. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass dies auf den Schriftzug abzuleiten wäre. Da aber auch die Schriftzeichen eine wichtige kulturelle und religiöse Bedeutung haben, wäre es aus unhöflich, das Tattoo an der geplanten Stelle zu platzieren. Es wäre kein Problem gewesen, dass Tattoo auf meinem Oberkörper stechen zu lassen. Das musste ich erst einmal sacken lassen.

Was sollte ich also machen? Eine andere Stelle wählen? Nein, die Stelle für das Tattoo wollte ich nicht verändern, an den Arme oder auch am restlichen Oberkörper erschien mir persönlich keine Stelle als geeignet. Anderes Motiv? Auch das nicht, da das gewählte Motiv die für mich passenden Assoziationen beinhaltete. Ich fragte zunächst andere Personen wie einen thailändischen Reiseveranstalter und auch die Mitarbeiter im Tattoostudio. Niemand im Studio hatte mich vorgewarnt bzw. wusste von den potentiellen Problemen, die das Motiv an solch einer Stelle hervorrufen könnte. Man könnte natürlich denken, dass die Leute dort natürlich nur ihre Tattoos verkaufen wollen. Der Reiseveranstalter bestätigte zumindest die Bedeutung, wusste zwar im Detail nicht zu sehr Bescheid aber riet daher auch eher davon ab. Klar, ich hätte mir das Tattoo nun trotzdem stechen lassen können, meist wäre es gar nicht aufgefallen und auch außerhalb der relevanten Länder wäre es kein Problem gewesen. Aber ich wollte die Kultur, die mir persönlich so gut gefallen hat und die überhaupt erst der Auslöser für die Idee war, keinesfalls mit Füßen treten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Also entschied ich mich den Termin im Studio abzusagen, da ich weder ein Tattoo auf dem Körper tragen wollte, mit welchem ich mich nicht mehr 100%ig identifizieren konnte, noch wollte ich als Kurzschlussreaktion eine Alternative oder ein 0815-Tattoo aus dem Buchbestand wählen, über das ich mich vielleicht bereits kurze Zeit später ärgern würde. Die Anzahlung erhielt ich sogar wieder, da auch das Team im Studio über die Informationen des Fahrers überrascht war (was die Theorie, dass das Studio nur auf das Geld aus war, widerlegte).

Die heutige Sicht der Dinge

Etwa ein Jahr ist seit dem Treffen mit dem Tuk-Tuk-Fahrer vergangen. Der Alltag ist eingekehrt. Ich habe mehrere Monate in einem Büro gearbeitet und stehe jeden morgen auf, um zu meiner Hochschule zu fahren. In der Bahn sehe ich Menschen, die ebenfalls ihrem Alltag nachgehen, in sich gekehrt, mit versteinerten Mienen. Niemand ist da, der mich freundlich lächelnd mit Sabaidee begrüßt. Auch ich selbst sitze eher ausdruckslos in der Bahn und habe das freie, zufriedene Gefühl des Reisens zumindest teilweise verloren. Oft wünsche ich mir deshalb, dass Tattoo täglich sehen zu können und an die Freundlichkeit der Menschen erinnert zu werden. Ich habe bisher nicht wirklich an Dinge wie Schicksal geglaubt, aber war die Begegnung auf der Straße in Chiang Mai in DER Konstellation, an DEM einen Tag, mit DEM T-Shirt wirklich Zufall? Ich weiß es nicht, aber ich bin froh den Tuk-Tuk-Fahrer getroffen zu haben. Leider habe ich seinen Namen nicht behalten, hatte er doch immerhin entscheidenden Anteil an einer folgeschweren Entscheidung. Das Tattoo habe ich zwar nicht, dafür aber eine weitere Reisegeschichte, die ich erzählen und an die ich oft zurückdenken kann.

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